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Abrahams Berufung

31.8.: Abrahams Berufung

1.Mose 12,1-9

Liebe Gemeinde,
Karlchen darf das erste Mal allein verreisen. In den Sommerferien soll er die Großeltern besuchen. Er freut sich riesig auf die Abwechslung und fährt voller Erwartung los. Völlig frustriert kehrt er nach wenigen Tagen zurück. „Nie wieder fahre ich zu den Großeltern!" verkündet er.
„Was ist denn los, war es nicht schön?" fragt die Mutter.
„Nein! Stell dir vor, Oma und Opa sitzen im Wohnzimmer auf dem Sofa und haben nichts an!" -
„Nichts an?" fragt die Mutter erschrocken.
„So was Ödes, sitzen im Wohnzimmer und haben nichts an, kein Radio, kein Fernsehen, kein Video, keinen Gameboy, keinen Computer, noch nicht einmal einen Cassettenrecorder oder einen CD-Player haben sie. Da fahre ich nicht mehr hin!"

Jeder hat so seine Gewohnheiten. Der eine lässt sich von morgends bis abends mit Musik und Video berieseln, der andere hat seinen geregelten Tagesablauf mit einem Wechsel von Arbeit und Freizeit, oder stellt teilt sich die Hausarbeit ein. Im großen und ganzen ist es bei vielen Menschen doch so: immer wieder dasselbe. Tagaus - tagein. Es gibt Umstellungen, Aufbrüche und Neuanfänge, die ein ganzes Leben verändern.

Was geschieht, wenn wir aus unserem normalem Alltag herausgerufen werden, erzählt uns die Bibel in der Geschichte von der Berufung Abrahams.



Abrams Berufung und Zug nach Kanaan

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. <2> Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. <3> Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. <4> Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. <5> So nahm Abram Sarai, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Leute, die sie erworben hatten in Haran, und zogen aus, um ins Land Kanaan zu reisen. Und sie kamen in das Land, <6> und Abram durchzog das Land bis an die Stätte bei Sichem, bis zur Eiche More; es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande. <7> Da erschien der HERR dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Und er baute dort einen Altar dem HERRN, der ihm erschienen war. <8> Danach brach er von dort auf ins Gebirge östlich der Stadt Bethel und schlug sein Zelt auf, sodass er Bethel im Westen und Ai im Osten hatte, und baute dort dem HERRN einen Altar und rief den Namen des HERRN an. <9> Danach zog Abram weiter ins Südland.



Abraham und seine Frau lassen viles zurück um neues zu entdecken.

Wir kennen diese Erfahrung des Zurücklassens und neuaufbrechens auch in anderen Zusammenhängen.

1) Wer zum ersten mal aus seinem Elternhaus auszieht weil er vieleicht eine Ausbildung beginnt oder ein Studium, der lässt Vertrautes zurück, um neues zu finden.

2) Wer sich verliebt, eine Partnerschaft beginnt und dann schließlich mit diesem Menschen zusammenlebt, der lässt sein Single-Dasein zurück weil für ihn etwas Neues beginnt.

3) Wer sich beruflich verändert, seine Stelle wechselt, auch der lässt etwas zurück um etwas neues zu finden.

4) Oder wenn ein alter Mensch, der pflegebedürftig wird in ein Altenheim umzieht, dann muss auch er vieles zurücklassen und neues aufnehmen.

Unser Leben ist geprägt von ganz verschiedenen Aufbrüchen, vom Zurücklassen und Neuanfangen.
Schon bei unserer Geburt verlassen wir den schützenden Bauch der Mutter um das Licht der Welt sehen zu können. Und bei unserem Sterben verlassen wir unseren vergänglichen Körper.

Neues kann erst entdeckt werden, wenn wir altes zurücklassen, wenn wir den Aufbruch wagen wie Abraham.

Der bekannte katholische Geistliche Anselm Grün schreibt in einem seiner Bücher über solch einen Aufbruch:

"Es ist eine Ursehnsucht im Menschen sich einmal gemütlich niederzulassen und sich für immer einzurichten, einmal geborgen und daheim zu sein. Wo es dem Menschen gefällt, dort möchte er seine Zelte aufschlagen und immer dort bleiben. Aber zugleich weiß er auch, daß er sich hier in dieser Welt nicht für immer einrichten kann. Er muß sich ständig von neuem auf den Weg machen. Er muß immer wieder aufbrechen. Er muß die Lager, die er aufgebaut und in denen er sich wohnlich eingerichtet hat, abbrechen, um auf seinem Weg weiterzukommen. ... Jeder Aufbruch -macht zuerst einmal Angst. Denn Altes, Vertrautes muß abgebrochen werden. Und während ich abbreche, weiß ich noch nicht, was auf mich zukommt. Das Unbekannte erzeugt in mir ein Gefühl von Angst. Zugleich steckt im Aufbruch eine Verheißung, die Verheißung von Etwas Neuem, nie Dagewesenem, nie Gesehenem.

Der 75jährige Abraham soll alles verlassen: Menschen, die ihm vertraut sind, seine Vewandtschaft und seine Heimat, sein Land, all das soll er zurücklassen. Er nimmt das mit sich, was er kann: sich selbst,seine Frau, sein Hab und Gut, seine Herden.

Viele der älteren unter uns haben die Zeit der Flucht nach dem Krieg noch in guter Erinnerung. Mit wenigen Habseligkeiten mussten sie ihre Heimat zurücklassen auf einem Weg in die Ungewissheit, voller Hoffnung und Glauben.

Abraham soll aber nicht nur sein Land verlassen. Er soll nicht nur zurücklassen, sondern er soll auch Neues bekommen.

Mit dem Aufbruch Abrahams verbindet sich zugleich die Verheißung Gottes. Das, was er verlassen soll, bekommt er in anderer Form von Gott wieder.
Für die Heimat, das Land, dass er zurücklässt bekommt er ein neues Land von Gott gezeigt, in dem er leben kann.
Für die Menschen, die er zurücklässt bekommt er die Verheissung von Nachkommenschaft, und dazu gehört auch: ein eigener Sohn. Ein Geschenk, dass Abraham und seine unfruchtbare Frau nie im Leben erwartet hätten.

Dieses Zurücklasen und neu beschenkt werden erinnert mich an die Jünger zu denen Jesus einmal sagte: Jesus sagt:

Mt 19, 29> Jeder, der sein Haus, seine Geschwister, seine Eltern, seine Frau, seine Kinder oder seinen Besitz zurückläßt, um mir zu folgen, wird dies alles hundertfach zurückerhalten und das ewige Leben empfangen.

Abraham gilt in der Bibel ja als Vater des Glaubens. Und weil er nicht nur Gottes Worte hörte, sondern sie auch in die tat umsetze, konnte Gott ihn segnen. Wäre Abraham zuhaus in Haran geblieben, seine Name wäre längst vergessen. Wären die Jünger dem Ruf Jesu nichtgefolgt, ihre Namen wären längst vergessen.

Der Glaube wird lebendig, wenn wir Gottes Ruf folgen und tun, was er von uns möchte.

Am Anfang wusste Abraham nicht wohin sein Weg führen würde.
Er fragt auch nicht danach, ob Gott ihm schon mal eine Wegbeschreibung gibt, sondern er packt alle Sachen und macht sich auf den Weg und lässt sich von Gott führen.

FRüher sind wir so in den Urlaub gefahren. Zelt eingepackt und alles Sachen, die man so braucht für Camping, aber wir wussten morgens noch nicht wo wir abends sein werden.
Auch das können wir von Abraham lernen: Offen zu bleiben auf dem Weg, den wir gehen sollen. In unserem Alltag damit rechnen, dass Gott uns etwas zeigen will, was außerhalb unseres geplanten Tagesablaufs steht.

Abraham bricht auf in ein für ihn unbekanntes Land.
Seinen Glauben behielt er nicht für sich - er sprach mit anderen darüber - und nahm sie mit auf den Weg des Glaubens.

Ich frage mich, wir ist das bei uns?
Wie gehen wir unseren Weg des Glaubens?
Wen nehmen wir mit?
Wie gehen wir mit der Verheißung Gottes um, die uns das ewige leben in Aussicht stellt.
Sind wir immer noch in Bewegung, oder sind wir schon längst seßhaft geworden?

Sind wir auf dem Weg des Aufbruchs, oder bleiben wir zuhause, an den altbekanten Plätzen.
Wir lesen weiter dass Abraham in dem Land angekommen ist. Dazwischen lag ein langer Weg, voller Anstrengungen und Beschwerlichkeiten.

Am Ende aber zählt , dass er das das Ziel erreicht hat.

Nicht nur die Verheißung des Landes, sondern auch die Verheißung einer großen Nachkommenschaft ist in Erfüllung gegangen. Das Volk Israel ist so zahlreich, wie die Sterne am Himmel, so wie es Gott ihm versprochen hat.

Wenn Gott uns beruft, dann wird er uns auch ans Ziel führen.

Bei mir selber war es so, dass ich vor einiger Zeit wusste, dass ich woanders hingehen sollte, aber ich wusste noch nicht, wohin mich Gott führen wollte. Bis ich nach Vluyn gekomen bin und hier zum Pfarrer gewählt wurde. Für mich ist das auch so etwas wie eine Erfüllung von Gottes Zusage.
Die Verheißung, die Abraham bekam ist weitaus größer als sein eigenes PERSÖNLICHES Leben, sie reicht bis in die Gegenwart sie hat eine weltweite, ökumenische Bedeutung.

In dir sollen gesegnet werden alle Völker. Von Anfang an, als Gott Abraham erwählt hat und einen neuen Anfang mit ihm wagt hat Gott alle Völker im Blick.

Nicht nur der Segen für Israel, die Kinder Abrahams, wird hier angesprochen. Der Segen für die Völker ist von Anfang an mit im Blick.

Als Nachkomme Abrahams, so sagt es der Apostel Paulus, hat Christus den Segen zu den Völkern gebracht.

Durch Jesus Christus bekommen wir Anteil an dem Segen, der hier Abraham versprochen wird.

Wie Abraham sind wir Christen im Glauben unterwegs ins Land der Verheissung. Auch wir haben die feste Zusage, dass Gott uns begleiten will auf dem Weg, den wir gehen.

Auch wir sind unterwegs im Glauben. Immer wieder im Aufbruch begriffen immer wieder bereit auf das zu hören, was Gott uns sagen will und wohin er uns führen will.
Das ist alles andere als langweilig, das bringt Abwechslung und Veränderung ins Leben - in unser persönliches Leben aber auch ins Gemeindeleben.

Wer sich auf den Weg macht, wer aufbricht um Neues zu entdecken, der muss auf das Tempo achten. Wer zu schnell ist, der verausgabt sich, der überfordert sich und andere. Abraham ist an das Ziel gekommen, weil er sich soviel Zeit für den Weg genommen hat, die er brauchte. Wichtig war nicht sein Tempo, wichtig war 1. das er sich auf den Weg macht, und 2. dass er den richtigen Kurs einschlug und immer wieder Gott um die richtige Richtung fragte.

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte, die uns zum richtigen Tempo ermutigen soll.

Bis die Seele nachkommt
Ein europäischer Biologe hatte für eine Himalaja- Expedition eine Gruppe indischer Träger angeheuert.
Der Forscher war in großer Eile, denn er wollte schnell an sein Ziel kommen. Nachdem die Gruppe den ersten großen Pass überschritten hatte, erlaubte er ihnen eine kurze Rast. Nach einigen Minuten rief er aber wieder zum Aufbruch.
Die indischen Träger blieben aber einfach auf dem Boden sitzen, als hätten sie ihn gar nicht gehört. Sie schwiegen und ihr Blick war zu Boden gerichtet.
Als der Forscher die Inder schärfer aufforderte, weiterzugehen, schauten ihn einige von ihnen verwundert an. Schließlich sagte einer: "Wir können nicht weitergehen. Wir müssen warten, bis unsere Seelen nachgekommen sind."

(Indische Geschichte, gefunden in: Gelassenwerden. - Herder, 1996)