Ewigkeitssonntag 2003
23.11.: Predigt am Ewigkeitssonntag 2003
Liebe Gemeinde,
Mk 13,31-37
Jesus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte sind für alle Zeiten gültig und vergehen nie." 32 "Niemand weiß, wann das Ende kommen wird; weder die Engel im Himmel noch der Sohn Gottes. Die genaue Stunde kennt nur der Vater. 33 Darum werdet nicht nachlässig und bleibt wach! Denn ihr wißt nicht, wann es soweit ist.34 Es ist genau wie bei einem Mann, der auf Reisen geht. Bevor er sein Haus verläßt, weist er jedem Angestellten eine bestimmte Arbeit zu und befiehlt dem Pförtner, wachsam zu sein. Genauso sollt auch ihr wach bleiben. Ihr wißt ja nicht, wann der Herr kommen wird, ob am Abend oder um Mitternacht, im Morgengrauen oder nach Sonnenaufgang. 36 Deshalb sollt ihr zu jeder Stunde auf seine Ankunft vorbereitet sein und nicht etwa schlafen. Was ich euch sage, gilt auch für alle anderen Menschen: Ihr müßt immer wach und bereit sein!"
Liebe Gemeinde,
es ist so, als käme er jeden Augenblick zur Türe hinein. So empfand eine Frau, die ich vor einigen Monaten besucht habe, kurz nach dem Tode ihres Mannes. Sie konnte einfach noch nicht begreifen, dass ihr Mann, den sie liebte, nicht mehr da ist. Dass sie jetzt ohne ihn weiterleben muss, Es fiel ihr schwer anzunehmen, dass sie die Uhr nicht zurückdrehen kann. In ihren Gedanken und Gefühlen lebte er immer noch in ihrem Herzen, und dort war er auf eine bestimmte Art und Weise in ihr lebendig und gegenwärtig.Es war so als ob sie jeden Tag darauf wartete, dass er wiederkommt.
Im Laufe der Zeit hat sie dann Abschied nehmen können, und hat sich zunehmend mehr dem Leben wieder neu stellen können.
Viele von Ihnen, liebe Gemeinde am Ewigkeitssonntag mussten im vergangenem Jahr von einem Menschen Abschied nehmen.
Einige konnten sich darauf einstellen und hatten deutliche Vorzeichen vor Augen, dass dieser Tag kommen würde. Andere traf es wie aus heiterem Himmel, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung.
Bai allen aber kam der Tag und die Stunde in der es hieß Abschied nehmen zu müssen.
Seit dem hat sich die Welt verändert. Für manch einen ist durch diesen Abschied Himmel und Erde vergangen, weil seitdem alles sinnlos und leer erscheit.
Prioritäten haben sich verschoben. Der Tag an dem der Tod in unser Leben trat stellt alles Bisherige in Frage. Wozu leben wir? Wo liegt der Sinn des Ganzen? Wofür sind wir überhaut hier auf der Welt, wenn das Ende doch so plötzlich über uns hereinbrechen kann und nichts mehr bleibt von dem, was war. Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren, heist es in einem Lied.
An der Grenzlinie des Lebens, da wo uns persönlich der Tod in der Familie oder im engeren Freundeskreis berührt hat, da brechen solche existentiellen Fragen auf.
Und das Sterben anderer lässt uns nicht kalt und berührt uns mehr als vorher.
Fassungslos haben wir in diesen Tagen die Nachrichen aufgenommen von den beiden Anschläge in Instanbul, bei denen am Donnerstag 30 Menschen und vergangene Woche 25 Menschen starben.
Und erst gestern wurde berichtet, dass bei zwei Autobombenanschlägen in Städten nördlich von Bagdad 16 Menschen getötet wurden.
In vielen von uns ist der Wunsch nach dem Ende der Gewalt, dem Ende von Leiden und Tod lebendig. Die Sehnsucht nach einem Leben in Harmonie und Frieden. All das wünschen wir uns so sehr und spüren täglich wie sehr uns Menschen das nicht gelingt.
Heute am Ewigkeitssonntag finden in allen Kirchen Gottesdienste statt in denen wir uns in unserer Hoffnung angesichts des Todes und der Trauer ermutigen wollen.
Gerade an diesem Tag wird uns ganz neu gezeigt, dass im Schattenland des Todes das helle Licht der Auferstehung und der Ewigkeit hineinleuchtet. Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus, aber meine Worte bleiben in Ewigkeit.
Diese von Jesus ausgesprochene Hoffnung ist kein frommer Wunsch, sie ist begründet in der Auferstehung Jesu Christi.
Jesu Worte werden nicht vergehen... seine Worte können in uns lebendig werden und uns die Kraft geben, die wir brauchen um in der Dunkelheit unserer Tage den nächsten Schritt gehen zu können, auch wenn wir die ganze Wegstrecke jetzt noch nicht überblicken können.
Der Heidelberger Theologieprofessor Klaus Berger sagt, daß wir schon ein Stück Himmel, ein großes Stück von Gott in uns tragen. Aber dass alle bösen Mächte uns dieses Stück entreißen möchten.
(Wie kommt das Ende der Welt, S.206)
Lassen wir es nicht zu, dass uns die Hoffnung gestohlen wird! Auch wenn manches Erlebnis und sehr zusetzt und uns zu schaffen macht... lass dir die Hoffnung dabei nicht nehmen.
Jesus fordert uns heute auf nicht auf das Vergängliche zu bauen, auf das, was wir verloren haben, sondern auf das ewige und unvergängliche, das wir erhalten werden. Wenn wir nur ängstlich auf das starren, was uns genommen worden ist, dann haben wir keinen Blick mehr für das was Gott für uns bereithält.
Die Hoffnung, die uns an diesem Ewigkeitssonntag neu aufleuchten will
gründet sich nicht auf gutgemeinte Ratschläge, sondern allein auf das Wort Gottes.
Inmitten unserer Trauer und unserem Leid will es sich als kräftig und lebendig erweisen.
Seid wachsam, sagt Jesus. Seid auf der Hut und lasst euch eure Hoffnung nicht wegnehmen durch das, was ihr oder andere erleiden müsst.
Lasst nicht zu, dass der böse Feind euch runterdrückt und niedermacht, lasst nicht zu, dass er euch in Depressionen und dunkle Gedanken verstrickt.
Zum Zeitpunkt, als Jesus diese Worte sprach hätte er allen Grund zum resignieren gahabt. Kurz vorher sprach er von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, die schließlich im Jahre 70 eingetreten ist. Und er selber hatte zu diesem Zeitpunkt seinen eigenen bevorstehenden Tod vor Augen.
Trotzdem schlägt Jesus keinen resignativen und hoffnungslosen Ton an. Er bleibt besonnen und weiß sich ganz von Gottes Willen getragen. In dieser äußersten Bedrängnis rät er seinen Jüngern zur Wachsamkeit.
Denn er weiß die Trübsale und Leiden dieser Welt können sich wie ein Schlaf auf unser Gemüt legen und uns im Handeln lahmlegen.
Auch das Abschiednehmenmüssen von einem Menschen den wir gern hatten und liebten, kann viel Hoffnung und Lebendigkeit aus unserem Leben wegnehmen. Es kann uns in eine Erstarrung führen. Es kann der Anfang vom Abnehmen der eigenen Lebenskräfte sein. Und so geschieht es manchmal dass nach dem Tod eines Ehepartners der andere seinen Lebenswillen und seine Hoffnung verliert.
Jesus will uns heute Mut zusprechen, dass wir gerade dies nicht zulassen. Dass niemand heute morgen hier ist, der sich seine Hoffnung auf Leben und seine Hoffnung auf die Ewigkeit rauben lässt. Auch wenn diese noch so klein und unscheinbar zu sein scheint. Die Hoffnung auch die allerkleinste hat eine große Kraft.
Jesus möchte von uns, dass wir wachsam bleiben und die Ewigkeit im Blick behalten. Denn was nützt es uns menschen, wenn wir die ganze Welt gewinnen und doch Schaden nehmen an unserer Seele?
Immer wieder in den dunkelsten Momenten der Geschichte hat es eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, über die ganze Welt verteilt, geschafft, den Kurs der geschichtlichen Entwicklung zu verändern. Dies war nur möglich, weil ihre Hoffnung größer als alle Hoffnung war.
Frère Roger Schütz, Prior von Taizé
An der Grenze, da wo der Tod unser Leben berührt hat, da sind wir gefordert und gefragt uns auf die Seite des Lebens auf die Seite Gottes zu stellen, denn Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt.
Diese Hoffnung und dieser Glaube möge sich in uns allen als lebendige Kraft erweisen, die uns durch das Dunkle ins Licht führt.
Auch wenn es manchmal so scheinen mag: Es ist noch nicht aller Tage Abend. Das Schönste, worauf wir überhaut warten können, ist noch nicht erschienen, es kommt erst noch. Niemand weiß wann, niemand weiß wo, aber alle werden es sehen. Alle werden es sehen, wenn Gott die Beschwernisse und Bedrängnisse dieser Zeit zu ihrem Ende bringen wird.
Jesus sagt: Das Ende wird kommen. Das Ende der Trauer, das Ende aller Leiden, das Ende der Schmerzen- seelisch wie körperlich - Und schließlich auch das Ende des Todes selbst.
Der Tod wird mitsamt seinen Vorboten und Helfershelfern von Gott entmachtet werden und besiegt. Dann werden alle sehen, das Christus regiert, dass er triumphiert über Tod und Teufel über alle lebensfeindlichen und lebenszerstörerischen Mächte und Machenschaften.
Noch sehen wir nicht viel davon. Noch sind wir bedrängt und attakiert durch Ängste, Zweifel, Verunsicherung und Leiden.
Noch leben wir nicht im Schauen, sondern im Glauben, wie der Apostel Paulus sagt.
Noch ist es eine Hoffnung, die man nicht sieht.
Doch - der Tag wird kommen, der Tag und die Stunde, die Gott alleine kennt und niemand sonst im Himmel und auf der Erde, der Tag der alles verwandeln wird. Himmel und Erde werden vergehen, aber Jesu Worte bleiben in Ewigkeit.Amen.
