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Zur Einführung

12.10.: Predigt zur Einführung

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

von Reformen ist im Augenblick viel die Rede. Ich meine die Steuerreform, die Gesundheitsreform die Rentenreform und die Reform des Arbeitsmarktes. Zahllose Politiker und Wirtschaftsfachleute und andere Experten befassen sich mit diesen Reformen und wir alle hoffen, dass gute Ergebnisse bei diesen Überlegungen herauskommen werden.

Reformen beruhen immer auf der Einsicht: Wir brauchen Veränderung! Wir können nicht mehr so weiter machen wie bisher. Es muss sich etwas ändern. Schon Sokrates war der Meinung, der Mensch müsse nur eine Sache richtig einsehen, dann würde das automatisch das richtige Verhalten nach sich ziehen. Aber wie viele Dinge habe ich schon als richtig und wichtig eingesehen, ohne dass ich daraus die notwendigen Konsequenzen gezogen hätte. Die Einsicht allein scheint nicht immer zu genügen. Wir brauchen auch Kraft um das als Richtig Erkannte umzusetzen.

Von solch einer Reform, spricht der Apostel Paulus im Römerbrief, wenn er im 12. Kapitel schreibt:

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Römer 12, Vers 2

Veränderungsprozesse in der Vergangenheit haben schon viel Gutes bewirkt:
Das bekannteste Beispiel hierfür ist wohl die Reformation, an die wir uns ja wieder am 31.Oktober erinnern.

Die Reformatoren Martin Luther und die reformierten Väter Ulrich Zwingli und Johannes Calvin wollten zu ihrer Zeit die bestehende Kirche von Grund auf (Luther: "an Haupt und Gliedern") erneuern. Calvin sah in dieser Erneuerung das Ziel, die Kirche "von tödlichen Krankheiten zu reinigen". Denn, davon war er überzeugt, die innere und äußere Loslösung vom Wort Gottes ist das Ende der Kirche. Daher erklärt sich der leidenschaftliche Wille der Reformatoren, das Wort Gottes als Maßstab und Mitte des Lebens wieder zur Geltung zu bringen.

Die Reformatoren selber waren davon überzeugt, dass diese Erneuerungsbemühungen eine bleibende Aufgabe der Kirche darstellen. Sie prägten deshalb den Grundsatz:
Ekklesia semper reformanda est - die Kirche sei stets zu reformieren, also nicht nur einmal, sondern immer wieder von neuem.

Ein anderes Beispiel für umwälzende Veränderung:
Im Herbst 1989 wurde die Nikolaikirche zu Leipzig in ganz Deutschland bekannt. Die „chinesische Lösung“ war befürchtet worden, doch es kam ganz anders.
Durch jahrelange, ununterbrochene Friedensgebete an immer derselben Stelle im Herzen der Großstadt und die Aufnahme von Protest- und Randgruppen der Gesellschaft wurde sie am 9. Oktober 1989 zum Ausgangspunkt der Demonstrationen der 70.000 und damit zum Kernpunkt der Friedlichen Revolution überhaupt. „Keine Gewalt!“ und „Wir sind das Volk!“ signalisierten eine Wirklichkeit, die neue Maßstäbe setzte, von denen die Staatsmacht in der ehemaligen DDR total überrascht wurde. „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

Dieser 7. und der 31.Oktober sind zwei Tage, die uns daran erinnern. Friedliche Veränderungen zum Guten sind möglich!
Wenn Christen sich mit ganzer Kraft für das einsetzen, worin sie Gottes Willen erkennen, dann können sogar Berge versetzt werden.
Eine Voraussetzung dafür aber ist es, das Christen auch gegen den Strom schwimmen, wenn es sein muss, dass sie nicht zu allem ja und Amen sagen, was um sie herum geschieht. "Wenn einer nein sagt, wo alle blind ja brüllen, da wird an der Veränderung der Welt gearbeitet." Darin ist Rudolf Otto Wiemer beizupflichten.

Paulus schreibt den Christen in Rom zu einer Zeit, in der der Kaiserkult blühte. Als Herrscher des damaligen Römischen Reiches beanspruchte der Kaiser Claudius (41 -54 n.Chr.) kultische Verehrung als Gott.
Die Grenzen zwischen Iuppiter, dem Herrscher über die Götter, und dem Kaiser verschwischten sich immer mehr.
Die staatlich geregelte rituelle Darbringung von Opfern für den Kaiser widersprach der Überzeugung der Christen.
Durch ihre Verweigerung dieses Herrscherkultes gerieten die Christen immer wieder mit dem Staat in Konflikt und schon bald wurde deshalb das Christentum verboten.

Die erste große Verfolgung fand im Jahre 64 (also 8 Jahre nach Abfassung des Römerbriefs) statt, als man nach dem verheerenden Brand Roms den Christen die Schuld an der Katastrophe in die Schuhe schob. Allerdings konnte auch staatliche Repression nicht verhindern, dass die Gemeinden laufend neue Mitglieder gewannen zunächst waren es vor allem Sklaven und Freigelassenen östlicher Herkunft, doch kamen schon im 2. Jahrhundert mehr und mehr Angehörige - insbesondere Frauen - der Oberschicht hinzu.

Stellt euch nicht der Welt gleich! Passt euch nicht dem Schema dieses Zeitalters an. Bewahrt euch eure Identität als Christen. Diese Aufforderung bekommt auf diesem Zeitgeschichtlichen Hintergrund eine besondere - auch politische Bedeutung, wie sie ganz ähnlich auch wieder in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 zur Sprache kam.

Diese Aufforderung bleibt aktuell und auch wir sind heute gefragt:

Wo haben wir uns als Christen zu sehr angepasst. Wo haben wir die Maßstäbe der Welt übernommen? Wo müssen wir umdenken? Wo dem Evangelium wieder mehr Raum und Gehör verschaffen?

Es gibt jetzt vielleicht einige, die könnten sofort wie aus der Pistole geschossen sagen, was wir in der Volkskirche anders machen müssen. Mit Bibel und Bekenntnis wieder neue Mauern zur Welt aufrichten.
Doch halt. Bitte keine vorschnellen Lösungen. Paulus selber gibt auch keine Instandlösung an, sondern zeigt die Richtung, auf der wir weiterdenken sollen. damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene

Um Gottes willen geht es ihm. Und der liegt nicht auf der Hand, der ist erst einmal zu prüfen. Das übersehen wir leider oft. Die schnelle Antwort ist oft nicht die richtige Lösung.
Das Prüfen dessen, was Gott in einer bestimmten Situation von uns möchte ist manchmal ein langwieriger Prozess, wie es auch Dietrich Bonhoeffer in seiner Ethik schreibt: "Der Wille Gottes kann sehr tief verborgen liegen unter vielen sich anbietenden Möglichkeiten. Weil er auch kein von vornherein festliegendes System von Regeln ist, sondern in den verschiedenen Lebenslagen ein jeweils neuer, verschiedener ist, darum muss immer wieder geprüft werden, was der Wille Gottes sei. Herz, Verstand, Beobachtung, Erfahrung müssen bei dieser Prüfung ineinanderwirken."

Ein Beispiel dafür war die Frage wie die Dorfkirche hier in Vluyn renoviert werden soll.
Das Presbyterium wollte ganz bewusst, diese schöne Kirche nicht restaurieren, sie also in ihren Ursprungszustand zurückversetzen, so dass sie wie ein Denkmal aus vergangener Zeit das Alte bewahrt. Sie sollte aber renoviert werden. Und das heißt: Erneuert unter der Fragestellung: wie kann unsere Kirche ihre Aufgabe als Versammlungsstätte der Menschen von heute gerecht werden. Das wie ich finde gelungene Ergebnis dieser Renovierung können wir heute in dieser Kirche bestaunen und es kommt dem Guten, Wohlgefälligen und Vollkommenen schon sehr nahe.

Auf das Vollkommene, von dem Paulus spricht, werden wir wohl noch warten müssen, denn eine vollkommene Kirche wird es nicht geben können, wie diese kleine Geschichte verdeutlicht:

Die unvollkommene Kirche
Zum weisen Einsiedler kam eines Tages ein junger Mensch und sagte, er sei von der Kirche enttäuscht und suche die vollkommene Gemeinschaft der Gläubigen. Da führte ihn der Alte zum Mauerwerk seiner kleinen Kapelle und fragte ihn: "Sag mir, was du siehst." - "Ich sehe ein altes Gemäuer mit viel Unkraut und Moos", entgegnete der Besucher. "Und doch wohnt Gott in diesem scheinbar ungepflegten Haus", meinte der Einsiedler. "So ist es auch mit der Kirche. Sie kann nicht rein und perfekt sein, weil sie aus Menschen besteht. Auch du bist ein Mensch, und ich sage dir: selbst wenn du die vollkommene Kirche findest, wird sie es in dem Augenblick nicht mehr sein, in dem du ihr beitrittst."

Das Ziel unserer Gemeindearbeit ist nicht die perfekte und vollkommene Kirche. Vielmehr geht mir darum auf dem - zugegebenermaßen unvollkommenen Weg - immer wieder neu danach zu fragen, was Gott von uns möchte.

Ich glaube wir sind hier in Vluyn auf einem guten Weg.
Die Frage, was Gott von uns möchte, die Frage, was er von mir möchte, wird uns weiterhin begleiten. Es ist die Frage, die auch im Leitbild unserer Gemeinde ausgesprochen ist.
Auf diesem Weg, der immer auch Veränderung und Erneuerung mit sich bringen wird, sind mir vier Dinge wichtig.





1) Orientierung an der Bibel
Das Hören auf das Wort der Heiligen Schrift gehört dazu. Der gemeinsame Austausch darüber in Gespräch- und Hauskreisen, aber auch in der Predigt am Sonntag und in den zahlreichen Andachten. Die Erneuerung der Kirche von heute- das lernen wir aus der Geschichte der Reformation - kann nur geschehen, in der Bindung an das Wort Gottes. So hat es auch die Barmer Theologische Erklärung erneut deutlich gesagt. Nicht nach den Maßstäben der Welt soll sich die Erneuerung der Kirche vollziehen, sondern einzig und allein nach dem, was Gott will.

2) Gabenorientiertes Arbeiten
In vielen Gemeinden läuft vieles sehr Pfarrerzentriert. Und ohne Pfarrer läuft fast nichts. In Vluyn ist es Gott sei dank anders. Als Pfarrer kann ich mich mit meinen Begabungen und Fähigkeiten in das Ganze der Gemeinde einbringen, ebenso wie auch jeder andere haupt - oder ehrenamtlich Tätige sich in das Gemeindeleben einbringen kann. Jeder mit seiner Gabe. Zur Zeit suchen wir noch einige rüstige Rentner, die das Gelände um den Kindergarten herum regelmäßig pflegen können.
Auch das wäre ein wichtiger Beitrag zu einer lebendigen Gemeinde.
Denn hier muss wirklich alles ineinander greifen, handwerkliche Begabungen, wie musikalische oder auch organisatorische, aber auch pädagogische und theologische Begabungen. Grundsätzlich sind alle Dienste gleich. Wichtig ist nur dass ich sie mit Hingabe ausübe. Paulus sagt das mit seinen Worten so: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst. Ein Gottesdienst im Alltag der Welt also.

2) attraktive und lebendige Gottesdienste
Neben diesem Gottesdienst im Alltag, in dem wir uns fragen, was Gott von uns möchte, kommen wir auch sonntags zur Feier des Gottesdienstes zusammen. Auch hier machen wir uns zur Zeit Gedanken darüber wie unsere Gottesdienste attraktiver und noch lebendiger werden können. Die Erneuerung und Veränderung kann den Bereich des Gottesdienstes nicht aussparen.
Eine lebendige Gemeinde wird immer auch eine hörende, feiernde, bekennende und dienende Gemeinde sein.
Daneben ist es auch gut, dass sich Christen in Hauskreisen die Woche über treffen und so ihren Glauben und ihr Leben miteinander teilen.

3.) Reden und Handeln gehören zusammen:
Gerade im diakonischen Bereich fragen wir auch zur Zeit, was ist dort unser Auftrag? Können wir alles noch in der Weise weitermachen wie bisher? Wo müssen wir neue Aufgaben anpacken. Wie weit reichen unsere Kräfte und unsere finanziellen Möglichkeiten. In jedem Falle wird eine lebendige Gemeinde auch immer eine dienende Gemeinde für andere sein. Ein Ort an dem Menschen Hilfe nicht nur zugesprochen bekommen, sondern sie auch tatsächlich erfahren können. Dafür brauchen wir viele engagierte Mitarbeiter aber auch viele engagierte Spender, die unsere Projekte mitunterstützten, auch wenn sie selber nicht aktiv werden können. Viele werden wir als Gemeinde gar nicht selber tun können und arbeiten deshalb auch vernetzt mit anderen zusammen, wie dem diakonischen Werk oder der Grafschafter Diakonie. Aber auch in diesen Bereichen werden wir immer wieder vor der Frage stehen, wo brauchen wir Veränderung und Erneuerung.

Mir ist bewusst, dass vieles von dem, was ich heute sage eine Herausforderung an unsere Kirche und Gemeinde bedeutet. Mir ist bewusst, das vieles von dem Zeit braucht und nicht über Nacht geschehen kann. Mir ist bewusst, dass er vor allem auch auf gute Beziehungen und auf ein gutes Miteinander ankommen wird.
Ich jedenfalls bin gespannt auf den Weg, der vor uns liegt und auf die Erneuerungs- und Veränderungsprozesse, die ich gerne mitanstossen möchte, die aber letztlich nur dann Segen tragen können, wenn Gott selber sie auch will.

Beschließen möchte ich diese Gedanken mit Worten von Heinrich Albertz, der einmal sagte:
Es gibt radikale Veränderungen, die ein ganzes Leben verwandeln können. Man muss sie nur für möglich halten. Man muss sie ausprobieren. Man muss loslassen können. Sie geschehen dann eher beiläufig, so wie Jesu Wunder. Man muss sie nur wahrnehmen. Es bewegt sich viel mehr, als wir zugeben wollen - wenn wir uns selbst bewegen lassen. Heinrich Albertz 120