Über uns Angebote Termine Predigten Leseecke Musikalisches Jugendhaus P23 Schaephuysen Suchen

Das vierfache Solus

  • Stefan Vogt
  • Reformationstag 2004
  • Röm 3,21-28
  • 31.12.2004
  • Dorfkirche Vluyn

Röm 3, 21-28
3,21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott,
die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. 3,27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Liebe Gemeinde,
das was Paulus hier im 1.Jahrhundert an die Christen der ersten Generation in Rom schreibt, sollte 1500 Jahre später in der Reformationszeit kirchenverändernde und kirchenerneuernde Kraft bekommen. In der römisch-katholischen Kirche des ausgehenden Mittelalters fanden die Menschen keinen befreienden und frohmachenden Glauben. In religiöser Hinsicht war die Zeit geprägt von Unsicherheit und Angst. Die Furcht vor Pest, Krankheit und Tod sowie vor quälenden Höllenstrafen bestimmte den Alltag der Menschen.
Man suchte Zuflucht in der Astrologie oder bei den Heiligen, allen voran Maria und ihre Mutter Anna. Auch Luther ist in dieser Volksfrömmigkeit zuhause als er bei dem Erlebnis vor Stotternheim die heilige Anna anruft: "Hilf Anna, ich will ein Mönch werden" Am Vorabend der Reformation blüht der Kult der Heiligenverehrung. Die Wallfahrten zu heiligen Stätten boomten wie nie zuvor und man sprach den Reliquien, den sterblichen Überresten der Heiligen sündenvergebende Kraft zu.
Albrecht von Mainz beispielsweise sammelte seine Reliquien in der Domkirche zu Halle. Sie garantierten angeblich 39 245 120 Jahre und 220 Tage Ablass.
Der Ablass war eine Art Rechtschutzversicherung für das Gericht Gottes, eine Heilsversicherung, die man zu Lebzeiten abschließen konnte. Ein Ablassbrief war sozusagen ein Gutschein den man bei Gott einlösen konnte um vor göttlichen Strafen verschont zu werden. Wer viel sündigte brauchte also dementsprechend auch viele Ablassbriefe, die sich die Kirche gut bezahlen ließ. Auch für schon verstorbene konnte man solche Ablassbriefe käuflich erwerben.
Die Menschen suchten nach Sündenvergebung, nach Gewissheit im Glauben. Die römisch-katholische Kirche machte daraus ein einträgliches Geschäft.
Bekannt geworden ist der Ausspruch: "Wenn die Münze in dem Kästlein klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!" Der Ablass war ein gut funktionierendes und von allen akzeptiertes Fundrainsing-Konzept. So wurde z.b. der Petersdom in Rom aus den Verkaufserlösen der Ablassbriefe gebaut.
Die Kirche – so wurde argumentiert- konnte Ablassbriefe ausstellen, weil sie einen riesigen Vorrat an verdienstvollen Leistungen besaß. Es gab zahlreiche Bruderschaften, wir würden heute sagen Fördervereine, in denen diese guten Werke gesammelt wurden. In der Bruderschaft St.Ursulas Schifflein wurden insgesamt über 6000 Messen, über 3000 Psalter, 200 000mal das Te deum, 200.000mal der Rosenkranz und 630.000.000mal das Vaterunser und das Ave Maria verzeichnet.
Gleichzeitig steigt die Anzahl der Gottesdienste in dieser Zeit. Allein in dem kleinen Dorf Wittenberg "am Rande der Zivilisation" wie Luther einmal sagte, werden seit 1508 jährlich fast 10.000 Messen gelesen. In Köln finden sogar täglich 1000 Messen statt, d.h. im Jahr rund 400.000 Messen in 11 Stiften, 22 Klöstern, 19 Pfarrkirchen und 100 Kapellen. (Aland, I, 390).
Die Zeit war also reif für Veränderung
Es waren Männer wie Martin Luther, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin die gegen dieses innerkirchliche System eines falschen Heilsversprechens protestierten.
Als Geburtstunde der Reformation die sich bald über ganz Europa ausbreitete gilt der Thesenanschlag von Martin Luther am 31.10. 1517 an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich Luthers Thesen über den Ablass. Luther kritisiert darin die Praxis der Ablassprediger. Mit Hilfe des Buchdrucks nahm die reformatorische Bewegung ihren Lauf und war nicht mehr zu stoppen, auch wenn Staat und Kirche dies immer wieder versucht haben.
Die Reformatoren wollten gar keine neue Kirche gründen, sie wollten die bestehende Kirche verändern und auf ihren biblischen Ursprung zurückführen. Sie übten nicht nur Kritik an der Kirche, wie auch andere, sie sagten auch, wofür sie eintreten. Bei allen Unterschieden zwischen den Reformatoren gibt es eine gemeinsame Grundüberzeugung. Man könnte sie als das reformatorische Quadrat bezeichnen.
(Bild 1)
Es sind im wesentlichen vier Grunderkenntnisse, auf denen die Reformatoren ihre Lehre aufbauen. Sie kommen in ihren Schriften immer wieder vor..
Diese vier Grundeinsichten lautensola scriptura - allein die Schriftsola gratia - allein aus Gnadesola fide - allein aus Glaubensola christus - allein ChristusDiese vier Grundeinsichten sind auch für uns heute eine wichtige Grundlage unseres Glauben und unseres Kirchenverständnisses





1.sola sriptura - allein die Schrift (Bild 2)
In der katholischen Kirche mit der es die Reformatoren zu tun haben fehlt die klare Linie. Die Einstellungen sind geprägt von einem ja-aber.
Die Heilige Schrift ja - aber auch die kirchliche Tradition,
der Glaube: ja, aber auch die frommen Werke,
Christus, ja: aber auch Maria und die Heiligenverehrung.
Dieses Mischmasch von Volksfrömmigkeit und kirchlicher Überlieferung war ein guter Nährboden für alle möglichen Formen des Glaubens und des Aberglaubens. Das Problem bestand darin, keiner wusste so genau was eigentlich in der Bibel steht. Denn die Bibel lag nur in lateinischer Sprache vor und sie war kaum verbreitet.
Die Reformatoren befreien den christlichen Glauben aus den Fesseln der kirchlichen Autoritäten, seien es Priester, Bischöfe, der Papst oder Konzilien. Die Heilige Schrift ist der Maßstab ist Regel und Richtschnur des Glaubens. Hieran muss sich alles messen, was in Glaubensangelegenheiten Geltung beansprucht.
Heute haben wir ein anderes Problem. Es gibt zwar so gut wie in jedem Haushalt eine Bibel, aber sie wird kaum noch gelesen. Die Wissenslücken in Sachen Bibel sind enorm. Sola Scriptura, allein die Schrift, das bedeutet heute: wir müssen wieder anfangen die Bibel zu lesen. Es gibt neben der Lutherbibel auch gute neuere Übersetzung, wie z.b. die gute Nachricht oder Hoffnung für alle.

2. sola gratia - allein aus Gnade
Luther kam über das Lesen des Römerbriefes zu der Erkenntnis. Nicht durch eigene Leistung, nicht durch eigene Frömmigkeit werden wir bei Gott gerecht, sondern allein durch seine Gnade. Es ist nicht der Verdienst des Menschen, dass er gerettet wird. Gott erklärt den Sünder aus Gnade für gerecht. Während in der vorreformatorischen Zeit Gott vor allem als Richter gesehen wurde, vor dem der Mensch aus eigener Kraft versuchen muss zu bestehen, betonen die Reformatoren die freie Gnade Gottes.
Gott wendet sch dem menscheln bedingungslos zu. Weil Jesus unsere Strafe, den Tod auf sich genommen hat, sind wir frei gesprochen, begnadigt.
Als ein Beispiel für Gnade möchte ich diese Begebenheit erwähnen: Ein König sollte folgendes Urteil unterschreiben: „Gnade unmöglich, im Gefängnis lassen!" Ihm kam das Urteil zu hart vor, weil er an die Zukunft des Mannes und seiner Familie dachte. Er änderte das Urteil um: „Gnade, unmöglich im Gefängnis lassen!" Durch eine Kommaverschiebung wurde der Mann freigelassen.
Das Sterben Jesu für uns ist wie diese Kommaverschiebung. Gnade, unmöglich im Gefängnis lassen.“ Paulus drückt es so aus:
und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.



3.
Damit kommen wir zu 3. reformatorischen Grunderkenntnis: zum sola fide, allein durch Glauben
Der Glaube ist die Antwort des Menschen auf die Gnade Gottes. Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass es ihn gibt und dass er die belohnt, die ihn aufrichtig suchen (Hebräer-Brief, Kapitel 11, Vers 6)
Was ist wahrer Glaube heißt es in der 21.Frage des Heidelberger Katechismus. Und die Antwort lautet: „wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis, durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.
Religiöses Wissen allein reicht nicht. Glauben ist auch Vertrauen, ist Beziehung zu Gott. Hier steht jeder selber vor Gott. Hier ist jeder selber gefragt. Wie sieht es mit meinem Vertrauen zu Gott aus? Es ist nicht entscheidend, was der Nachbar glaubt, oder dein Pfarrer, oder jemand anderes. Entscheidend ist die Frage: was glaubst du. So wie es schon im Alten Testament gefordert wird: Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 5Mo 6, 5
Damit sind wir beim 4. und letzten solus angekommen:
Und 4. solus Christus – allein durch Christus
Ein anderes Fundament kann niemand legen außer dem, das gelegt ist: Jesus Christus, schreibt Paulus.
Den Zugang zum Vater haben wir nur durch Jesus. Dazu gibt es keine Alternative. Jede Kirche, die versucht von der Nachfolge Jesu abzuweichen ist auf dem Holzweg.
Die Barmer theologische Erklärung hat es 1934 in der ersten These so gesagt: Jesus Christus, wie er uns in der Hl. Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Auch wir müssen uns heute wieder neu auf Jesus besinnen.
In Malaysia half während des Zweiten Weltkrieges ein freundlicher Eingeborener einem geflüchteten Kriegsgefangenen, den Weg zur Küste und von dort aus in die Freiheit zu finden. Die beiden Männer stolperten durch fast undurchdringlichen Dschungel. Weder die Spur menschlichen Lebens noch ein Pfad war zu erkennen. Der Soldat war so sehr erschöpft, dass er sich fast streitsüchtig an seinen Begleiter wandte: „Weißt du genau, dass dies der richtige Weg ist?“

Die Antwort kam in gebrochenem Englisch: „Hier ist kein Weg... ich bin der Weg.“

Kein ausgehauener Pfad war vorhanden, dem sie hätten folgen können, keine Spur, der ihre Füße nachgehen konnten, keine Fährte, die andere vor ihnen gegangen waren. Wenn der Soldat schließlich die versprochene Freiheit erlangen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Blicke fest auf den Mann zu richten, der sich seiner angenommen hatte, er musste ihm folgen. Einen Weg gab es nicht. „Ich bin der Weg“, hatte der Eingeborene gesagt.

Genau die gleichen Worte hat vor fast zweitausend Jahren ein anderer gesprochen. Er hatte zu seinen betrübten Jüngern von der Herrlichkeit bei seinem Vater im Himmel gesprochen und hinzugefügt: „Ich bin der Weg.“ (Joh. 14,6)

Er sprach nicht nur über den Weg, der zu seinem Vater führt, er zeigte nicht nur den Weg, er war der Weg!

Das gilt auch für uns heute. Solus Christus – allein Christus ist der Weg. Die Welt wird immer komplexer und chaotischer. Altvertraute Wegweiser verschwinden. Erprobte und vertraute Pfade versinken. Das Leben gleicht mehr und mehr einem Dschungel, aber wir dürfen Gott danken, dass unsere Hand fest in der seinen ruht.

Ihm können wir vertrauen. Ihm können wir folgen. Ihm können wir uns überlassen für Zeit und Ewigkeit.