Kennzeichen einer lebendigen Gemeinde
- Stefan Vogt
- Apg 2,41-47
- 25.7.2004
- Dorfkirche Vluyn
Kennzeichen einer lebendigen Gemeinde
Ihr Lieben,
was macht eine Kirche lebendig? Wovon unterscheidet sich eine eingeschlafene und langweilige von einer aktiven und attraktiven Kirche? In diesem Text der Apostelgeschichte erfahren wir einiges darüber.
Apg 02, 41a.42-47
2,41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.
Landauf, landab kann man überall das Gestöhne und gejammere über die Krise der Kirche hören. Fehlende Finanzen, zurückgehende Mitgliederzahlen, schwindender gesellschaftlicher Einfluss.
Die Volkskirche scheint aus der Sicht vieler Menschen ein Auslaufmodell, ein sinkendes Schiff zu sein.
Man braucht sie eigentlich nicht mehr wirklich. Vielleicht nocht für besondere Anlässe, Taufen, Trauungen und Bestattungen - aber im Grunde kommen die meisten - auch getaufte Kirchenmitglieder- ganz gut ohne Kirche und ohne Gottesdienst aus. Selbst wenn man die Institution Kirche noch für wichtig hält, im eigenem Leben scheint sich verzichtbar, wie die Abstimmung mit den Füßen Sonntag für Sonntag deutlich macht. Immerhin eintscheiden sich etwa 95% der Kirchenmitglieder gegen den Besuch des Gottesdienstes. Im Blick auf die Gesamtbevölkerung gesehen muss man nüchtern feststellen: wer einen Gottesdienst am Sonntagmorgen besucht, gehört zu einer kleinen Minderheit in der Gesamtbevölkerung.
Das veranlasst mich zu der Frage: Ist die Kirche vielleicht schon am Ende, ist sie gar schon gestorben und wir haben es noch gar nicht bemerkt? Oder gibt es noch Hoffnung auf Wiederbelebung.
Dazu folgende wahre Geschichte eines Augenzeugen
Kalte Gleichgültigkeit, das war die Atmosphäre hier in Yonderton, als Pfarrer Wright sein Amt antrat. Am ersten Sonntag predigte er in einer völlig leeren Kirche.
Am zweiten Sonntag war es genauso. Und wenn der Pfarrer an den Werktagen seine Gemeindeglieder besuchte, erging es ihm nicht besser. "Die Kirche ist tot", so sagte man ihm. Aber am Donnerstag nach jenem zweiten trostlosen Sonntag geschah's, dass eine Todesanzeige in der Zeitung erschien. Dort konnte man lesen:
Mit dem Ausdruck tiefster Bedauerns und der Zustimmung meiner Gemeinde gebe ich
den Tod der Kirche zu Yonderton bekannt. Die Trauerfeier findet am Sonntag um 11 Uhr statt.
Herbert Wright, Pfarrer zu Yonderton.
Die Anzeige löste lebhafte Diskussionen aus. Am Sonntag war bereits um halb elf die Kirche gedrängt voll. Als ich die Kirche betrat, sah ich einen Sarg auf einer Bahre vor dem Altar stehen. Pünktlich um 11 Uhr bestieg Pfarrer Wright die Kanzel:
"Meine Freunde, Sie haben mir klar gemacht, dass Sie überzeugt sind, unsere Kirche sei tot. Sie haben auch keine Hoffnung auf Wiederbelebung. Ich möchte nun diese Ihre Meinung auf eine letzte Probe stellen. Bitte gehen Sie einer nach dem anderen an diesem Sarg vorbei und sehen Sie hinein. Dann verlassen Sie die Kirche durch das Ostportal. Danach werde ich die Trauerfeier allein beschließen.
Sollten aber einige unter Ihnen Ihre Ansicht ändern und wären auch nur wenige der Meinung, eine Wiederbelebung der Kirche sei vielleicht doch möglich - dann bitte ich diese, durch das Nordportal wieder hereinzukommen. Statt der Trauerfeier würde ich dann einen Dankgottesdienst halten."
Ohne weitere Worte trat der Pfarrer an den Sarg und öffnete ihn.
Ich war einer der letzten in der Reihe vor dem Sarg. So hatte ich Zeit, darüber nachzudenken: "Was war eigentlich die Kirche? Wer würde wohl im Sarg liegen? Würde es vielleicht ein Bild des Gekreuzigten sein?" Die anderen in der Reihe dachten wohl ähnlich, ich merkte, wie uns ein Schaudern überkam, je mehr wir uns dem Sarg näherten. Zudem erschreckte uns ein Knarren und Quietschen. Die Tür des Nordportals drehte sich in ihren verrosteten Angeln. Herein trat eine kaum zu zählende Menge.
Nun war es soweit, dass ich die tote Kirche sehen sollte. Unwillkürlich schloß ich die Augen, als ich mich über den Sarg beugte. Als ich sie öffnete, sah ich ich mich selbst - im Spiegel.
Liebe Gemeinde,
wenn wir fragen, wie eine Kirche lebendig wird, dann ist es hilfreich auf die Anfänge der Kirche zu schauen, auf die erste Gemeinde in Jerusalem, wie wir es gerade aus der apostelgeschichte gehört haben. Wir können dieses Gemeinde nicht 1 zu 1 kopieren, aber wir können von ihr lernen.
Drei Kriterien habe ich gefunden, die auch für uns wichtig sind und die uns helfen, unsere Gemeinde lebendig zu halten:
1. Gottes Wort hören (Folie 1)
"Vielen Dank für ihre Predigt, sie haben es meinem Nachbarn ja ganz schön gegeben!" meint dieser Predigthörer nach dem Gottesdienst zum Pfarrer.
Ich hoffe, dass das nach dieser Predigt keiner sagen wird.
Eine Predigt will ja nicht runtermachen, sie will nicht verurteilen und richten, sondern aufbauen, aufrichten und neue Wege aufzeigen, Glauben wecken und Orientierung geben.
Die Kirche lebt aus dem Wort. Ohne das Wort Gottes hört Kirche auf Kirche zu sein.
Im Laufe der Geschichte war das immer wieder zu beobachten. Was so lebendig wie in der Apostelgeschichte beschrieben bonnen hat, ist doch im Laufe der Zeit immer mehr in Erstarrung geraten. Die Kirche des Wortes wurde zu einer Kircheninstitution, zu einer hierarchischem Amtskirche, die das Wort und die Sakramente verwaltet.
Seit Martin Luther ist das Wort des Evangeliums innerhalb der Kirche wieder neu in den Mittelpunkt gerückt worden. Auch als kritisches Instrument gegenüber einer evangeliumsfernen Kirchenpraxis.
Die Kirche steht immer in der Gefahr das Wort Gottes aus dem Blick zu verlieren und sich an anderen tagespolitischen Gegebenheiten oder gesellschaftlichen Strömungen zu orientieren. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Wort Gottes innerhalb der Kirchen durch andere Überzeugungen verdrängt. Die meisten evangelischen Pfarrer und Presbyterien übernahmen die deutschnationalen erneuerungsvorstellungen der Deutschen Christen. Nicht aus dem Wort Gottes, sondern aus politischen und ideologischen Programmen erhofften sie sich die Erneuerung von Kirche und Gesellschaft.
Beinahe die Hälfte der evangelischen Pfarrer waren Mitglieder der Bekennenden Kirche. Sie hielten daran fest, dass die Kirche einzig und allein aus dem Wort Gottes lebt und dass es neben Jesus Christus keine anderen Instanzen gibt, denen sich die Kirche zu unterwerfen hat. In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 fand diese gemeinsame Überzeugung ihren schriftlichen Niederschlag.
Wenn die Verkündigung des Evangeliums nicht mehr die Mitte der Kirche ist, hört Kirche auf kirche zu sein.
Andersherum gesagt: wenn die Kirche das Wort Gottes ihrer Mitte behält, dann wird Kirche als Kirche erkennbar.
Was für die Kirche als Ganzes von Bedeutung ist, dass gilt auch für jeden einzelnen Christen. Jeder Christ lebt vom wort Gottes, als Orientierung, als Wegweisung, als Kraftquelle seines Glaubens.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort das Jesus gesprochen hat.
2. Miteinander Leben
Der Theologe Emil Brunner sagt: Gott hat uns seinen Sohn gegeben, damit wir mit ihm und durch ihn mit den Menschen Gemeinschaft haben. "Ich kann an Gott glauben, aber dafür brauche ich nicht die Kirche", sagen dagegen viele Leute und sie erwarten selbstverständlich, dass man ihnen Recht gibt. Wenn wir uns das Leben der ersten Christen anschauen müssen wir feststellen: Nein. Das geht gar nicht. Du kannst nicht Christ sein, ohne Gemeinschaft. Denn der Glaube wird in der Gemeinschaft der Glaubenden gelebt.
Wie anders als in der Gemeinschaft, kann man das alles, was hier beschrieben wird:
Gottesdienste feiern, Abendmahl feiern, Gott mit Liedern loben und mit anderen zusammen beten. Wir haben in der Vergangenheit den großen Fehler begangen, dass wir zu sehr die Beziehung der Menschen mit Gott in den Blick genommen haben, aber dabei zu wenig die Beziehung der Menschen untereinander gesehen haben. So als ob der Mensch seinen Glauben mutterseelen allein leben könnte. Nein, wir brauchen die Gemeinschaft untereinander. Wir brauchen die Gemeindre als eine Art Familie. Denn durch die Taufe werden wir ja wirklich zu Schwestern und Brüdern. Also sollten wir auch so leben wie Schwestern und Brüder. Deshalb sind alle Gruppenund Kreise, vor allem aber Bibel- und Hauskreise eine gute Form, wo sich dieses gemeinschaftliche Leben einüben lässt. Und nochein drittes, dass wir in der Urgemeinde beobachten können:
3.Füreinander da sein
Neben dem Leben aus dem Wort Gottes und der Gemeinschaft miteinander kommt jetzt auch ein dritter Aspekt hinzu. Die ersten Christen bleiben nicht dabei stehen das Wort Gottes zu hören. Sie bleiben nicht dabei stehen, dass sie gemeinsam Gottesdienst feiern. Sie bleiben nicht dabei stehen, dass sie gemeinsam beten. Sie packen die Nöte an, die sie erkannt haben. Und Nöte gibt es nicht erst seit heute, sie gab es schon damals. Heute zahlen wir in ein Sozialsystem ein, zahlen Renten und Sozialversicherungsabgaben, das alles fließt in ein großes undurchschaubares System. Und wenn jetzt Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammengelegt werden, dann werden viele in noch größere Nöte kommen, als es in der Vergangenheit schon war.
Die Not sehen und Füreinander da sein, auch das machte die Urgemeinde lebendig. Diejenigen, die viel hatten, verkauften alles, was sie hatten und gabenes den Armen, so dass jeder genug hatte zum Leben. Dieses Gütergemeinschaft hatte eine positive Ausstrahlung nach aussen. Die Umwelt nahm das zur Kenntnis und wurde so auf die Gemeinde aufmerksam.
Glauben und handeln gehören also zusammen. Es ist so wie bei den jungen Leuten, die sich ein Ruderboot mieten.
Aber sie kommen mit den beiden schweren Rudern nicht zurecht. Sie drehen sich im Kreis, einmal so herum, dann wieder anders herum. Erst als sie lernen, beide Ruder gleichmäßig miteinander zu bewegen, fahren sie geradeaus den Fluß entlang und haben Freude an ihrer Fahrt. So ist es auch mit dem Schiff unseres Glaubenslebens und mit dem Schiff, das sich Gemeinde nennt. Es hat zwei Ruder, Glaube und Werke, die Gewißheit im Herzen und das Tun im Leben. Die einen mühen sich mit dem Ruder des Glaubens:
„Glauben wir, glauben wir richtig, glauben wir genug und fest?" Sie drehen sich immer im Kreis um sich selbst und Ihren Glauben. Die anderen sagen: „Glaube ist doch nicht so wichtig. Taten sind gefragt, soziales Engagement, Gesellschaflsdiakonie, Brot für die Welt, Entwicklungshilfe, Umweltschutz!" Sie sind am Rotieren und drehen sich im Kreis ihrer Taten und Absichten. Erst, wenn wir die beiden Ruder zusammennehmen, gewinnt unser Leben Fahrt, und die Gemeinden kommen in Bewegung.
Zum Schluss einige Fragen zum Nachdenken:Sorge ich dafür, dass ich Gottes Wort höre? Gebe ich Gott eine Chance mich anzusprechen? Mit wem kann ich üpber Glaubensfragen reden?Lebe ich meinen Glauben in Gemeinschaft, oder eher für mich alleine. Was unternehme ich mit anderen? Wo kann ich mich einbringen?Wo brauche ich die Hilfe anderer. Wo kann ich anderen helfen. Welche Menschen und welche Nöte liegen mir am Herzen?
