Liebe ist alles
- Stefan Vogt
- 1.Joh 4,7-12
- 13.6.2004
Liebe ist alles
Liebe Gemeinde,
Von der Berliner Musikgruppe Rosenstolz gibt es ein Lied, dass ich schon oft im Radio gehört habe. Vielleicht kennen sie es auch. Es heißt: Liebe ist alles.
In diesem Lied heißt es:
Das ist alles was wir brauchen.
Noch viel mehr als große Worte.
Lass das alles hinter Dir.
Fang noch mal von vorne an.
Denn - Liebe ist alles.
Liebe ist alles.
Liebe ist alles - alles was wir brauchen.
Lass es Liebe sein.
Liebe ist alles was wir brauchen... dieses Lied der Gruppe Rosenstolz war sehr erfolgreich, weil es das Lebensgefühl vieler Menschen anspricht, weil es aufnimmt, wonach sich wohl jeder Mensch im Grunde seines Inneren seht: Nach Liebe! Schon die Beatles haben gesungen: all you need is love, alles was du brauchst ist Liebe. Die Sehnsucht geliebt zu werden ist ungebrochen. Diese Sehnsucht kennt keine Altersbeschränkung. Sobald ein Mensch zur Welt kommt will er geliebt werden.
Der Verhaltensforscher René Spitz hat schon vor vielen Jahren beobachtet, daß Säuglinge, wenn sie von Pflegerinnen in einem Säuglingsheim zwar korrekt gepflegt, aber kaum Hautkontakt oder liebevolle Zuwendung erhalten haben, sich nicht richtig entwickeln konnten, sondern krank wurden.
Der Wunsch geliebt und angenommen zu sein begleitet uns bis ins hohe Alter.Wie dankbar sind gerade alte Menschen für jede liebevolle Zuwendung die ihnen entgegengebracht wird. Die Liebe hört niemals auf wie auch der Wunsch danach geliebt zu werden.
Ich glaube das ist der tiefere Grund dafür, warum die Liebe ein menschliches Dauerthema ist. In der Literatur genauso wie in der Musik, im Film und - im wahren Leben begegnet uns das Wort Liebe und der Wunsch nach Liebe auf Schritt und Tritt.
Was aber ist Liebe? Was ist die Liebe, die wir brauchen und die wir suchen? Dazu gibt es verschiedene Antworten und je mehr über die Liebe gesagt und geschrieben wird, um so unklarer ist der Begriff der Liebe geworden. Wie weit die Auffassungen über die Liebe auseinandergehen merken wir daran, wie wir über die Liebe sprechen:
Ist Liebe eine Boogie-Woogie der Hormone, wie der amerik. Schriftsteller Henry Miller meinte? (1891-1980)
Oder ist Liebe vielmehr eine schwere Geisteskrankheit, wie der griech. Philosoph Platon (427-347) behauptet hat?
Was ist Liebe?
Ist Liebe ein Wahnsinn, wie Heinrich Heine (1797-1856)sagt oder mit Novalis gesprochen: das Amen des Universums.
Hat der britische Chemiker James Dewar (1842-1923) Recht als er sagte: Liebe ist ein Ozean von Gefühlen, umgeben von uferlosen Ausgaben?
Was ist Liebe?
Der römische Philosoph und Dichter Seneca.(4 v.Chr. - 65 n.Chr.) meinte: Willst du geliebt werden, so liebe! Und der deutsche Filmemacher Wim Wenders geht sogar so weit und sagt: "es gibt doch nichts anderes, wofür es sich zu leben lohnt, als die Liebe.
Was ist Liebe? Wonach sehnen wir uns im Grunde unseres Herzens, wenn wir uns nach Liebe sehnen?
Unser Predigttext für heute antwortet auf seine Weise:
Predigttext 1. Joh 4, 16b-21
Wir jedenfalls haben erkannt und halten im Glauben daran fest, dass Gott uns liebt. Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott und Gott lebt in ihm. 17 Auch darin hat die Liebe Gottes bei uns ihr Ziel erreicht, dass wir dem Tag des Gerichts voller Zuversicht entgegensehen; denn so wie Christus mit dem Vater verbunden ist, so sind ja auch wir es in dieser Welt. 18 Die Liebe kennt keine Angst. Wahre Liebe vertreibt die Angst. Wer Angst hat und vor der Strafe zittert, bei dem hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht. 19 Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. 20 Wenn jemand behauptet: »Ich liebe Gott«, und dabei seinen Bruder oder seine Schwester hasst, dann lügt er. Wenn er seine Glaubensgeschwister, die er sieht, nicht liebt, dann kann er Gott, den er nicht sieht, erst recht nicht lieben. 21 Gott gab uns dieses Gebot: Wer ihn liebt, muss auch seinen Bruder und seine Schwester lieben.
Liebe Schwestern und Brüder,
Gott ist die Liebe. Die Liebe und Gott sind sozusagen ein und dasselbe.
Unsere menschliche Sehnsucht nach Liebe kommt bei Gott zur Erfüllung, weil er die Liebe ist.
Mir wird das bei jeder kirchlichen Trauung bewusst. Manche Brautpaare suchen sich diesen Trauspuch aus: "Gott ist Liebe, wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm"
Bei einer kirchlichen Trauung bekommen diese Worte die dem Brautpaar zugesprochen werden einen besonders festlichen Klang. Und jeder der Anwesenden spürt. Ja es stimmt: Gott ist die Liebe.
Allerdings sind diese Worte ursprünglich gar nicht für eine Trauung geschrieben, sondern für den ganz normalen Alltag für das Leben als Christ.
Die Liebe können wir nicht auf besonderen Feststunden reduzieren. Die Liebe ist alltagstauglich und praxiserprobt. Der 1. Johannesbrief wendet sich an Christen in Kleinasien im zuende gehenden 1.Jh. Der christliche Glaube war vor eine Zerreißprobe gestellt. Nach innen galt es den Glauben und das Bekenntnis zu bewahren und die Überlieferung des Evangeliums unverfälscht vor anderen Lehren zu schützen. Auf der anderen Seite musste man sich aber auch nach außen hin gegen die Ansprüche des römischen Kaiserkultes abgrenzen. Die Zeit der Christenverfolgung steht kurz bevor.
Die äußeren Umstände waren keineswegs ruhig. Wir wissen aus dieser Zeit auch, dass viele anfingen den christlichen Glauben argumentativ zu verteidigen. Man trat in den Dialog mit Andersgläubigen.
Die missionarische Kraft der ersten Gemeinden kam neben der Verkündigung vor allem aus der Liebe.
Jesus sagte zu seinen Jüngern: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euchuntereinander liebt, wie ich euchgekliebt habe, daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Joh 13,34f)
Die Stärke und die Kraft bekam und bekommt das Christentum vor allem durch die Liebe.
Hier sind alle angesprochen. Hier ist jeder gemeint. Gott ist Liebe. Gottes Liebe gilt allen. Er will jedem seine Liebe schenken. Seine Liebe zeigt sich in Jesus Christus. Sie zeigt sich darin, wie sehr er sein Leben für uns gelebt hat, wie sehr er für uns gelitten hat - alles aus Liebe zu uns, damit Gott uns unsere Sünde vergeben kann. Alle Barrieren die der Liebe im Wege stehen, die Bibel nennt das Sünde- müssen erst wegggeräumt werden, dafür ist Jesus am Kreuz gestorben. Jetzt gibt es kein Hindernis mehr fpür die überströmende Liebe Gottes. Jetzt brauchen wir keine Angst mehr vor Gott zu haben, denn die Strafe, die wir verdient haben liegt auf ihm
Paulus kann sagen, die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Römer 5,5)
Die Liebe Gottes ist ein Geschenk das Gott uns geben will, um das wir bitten dürfen. Wir können sie nicht selber produzieren. Liebe wächst von innen. Und sie zeigt sich in unserem Leben.
Aber ist diese Liebe auch schon zu allen durchgekommen? Wieviele Menschen leben ohne zu wissen, dass Gott sie liebt? Wieviele Menschen leben mit Angst? Wieviele leben mit Enttäuschungen und Verletzungen, wieviele haben die Erfahrung von gescheiterter Liebe gemacht?
Das was unter Menschen geschieht, das übertragen wir auf Gott. Und so hat sich in unser Unterbewusstsein ein leises Misstrauen eingeschlichen. Gott ist die Liebe, ja aber liebt er uns wirklich. Müsste die Welt nicht friedlicher und liebevoller sein, wenn Gott wirklich die Liebe ist?
In dem Roman Karawane des Grauens von Wolfgang Gogolin, findet sich ein bemerkenswerter Satz:
Die Menschen fürchten sich am meisten, wenn sie nur etwas im Dunklen erahnen, was ihnen vielleicht eines Tages drohen könnte.
Ich glaube viele von uns tragen eine leise Angst vor Gott in sich, die sogar krank machen kann.
Wer immer noch Angst vor einem strafenden Gott hat, der hat die Liebe Gottes noch nicht ergriffen. Denn die Liebe kennt keine Angst. Wahre Liebe vertreibt die Angst. Wer Angst hat und vor der Strafe zittert, bei dem hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht.
Manche Menschen haben ein dunkles Gottesbild verinnerlicht in dem die Angst vor Gott überwiegt. Solch ein Glaube kann regelrecht krank machen.
Ein Beispiel dafür ist Hans, der schwere Angstzustände hat, die mit Psychopharmaka unterdrückt werden. Er kommt aus einem ernst-frommen Elternhaus. Er weiß noch um die Bombennächte gegen Ende des 2.Weltkriegs. Hans erinnert sich an seine erziehung in einem kirchlichen Internat weit weg von der Heimat. Er hatte nachts oft Heimweh und weinte. Nach außen hin habe er sich aber tapfer gegeben. Dann taucht in seiner erinnerung ein brennender Kessel auf, ein Bild für die Hölle, in die alle kommen, die sich im 6.Gebot verfehlen. Ein Slogan einer religiösen Massenzeitschrift, die im Internat angeboten wurde, war bei hans auf einen empfänglichen Boden gefallen: Er lautet: "Bekenne oder brenne!" d.h. bekennen dich zu den Geboten Gottes, oder brenne ewig in der Hölle. Er sagte im Rückblick dazu: "Ich sah mich brennen" Und einen seiner religiösen Erzieher nennt er heute noch einen "Henker".
Woher sollte Hans wissen, dass Gott die Liebe ist, es hat ihm niemand gesagt.
Woher sollen die Menschen in unserer Umgebung wissen, dass Gott die Liebe ist, wenn es ihnen niemand sagt? Wenn sie nirgendwo Gottes Liebe erleben können.
Christian Schwarz hat dazu ein lesenswertes Buch geschrieben: die drei Farben der Liebe.
Es enthält 20 Übungen, die eine Gemeinde in eine Oase der Liebe verwandeln. Mir fehlt die Zeit, das ganze Buch vorzustellen, aber darin habe ich folgende Geschichte gefunden:
Der Hindu Mahatma Ghandi wurde einmal von zwei westlichen Missionaren besucht. Sie wollten von ihm wissen, was sie tun müssen, damit die Inder Jesus besser verstehen. "denken Sie an das Geheimnis der Rose, meinte Gandhi. "Sie tut gar nichts, aber sie duftet. Und desghalb wird sie von allen geliebt. Duften Sie also meine Herren.!" Es wird erzählt, dass die Missioare daraufhin relativ betreten davonmarschiert sind. Sie hatten eine Methode erwartet, die sie anwenden können, um die Inder zum Glauben zu führen. Das "Duften Sie, meine Herren!" passte ihnen offensichtlich nicht. Doch liegt hier nicht der Schlüssel für die Ausstrahlungskraft einer Gemeinde. Die Bibel benutzt eine ähnliche Begrifflichkeit, wenn sie sagt: "Wir sind Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden und unter denen, die verloren werden (2Kor 2,15) Christliche Gemeinde sollen also Orte sein, von denen ein Wohlgeruch ausgeht. Menschen wollen nicht unsere Belehrungen über die Liebe hören, sie wollen die Liebe riechen.
Das ist der Witz der Nächstenliebe: nie den zu lieben, der da ist, sondern immer nur den Nächsten, der kommen soll. Martin Kessel (1901-90), dt. Schriftsteller, 1954 Georg-Büchner-Preis
Deshalb werde ich jetzt auch zum Schluß kommen. Denn es ist glaube ich schon genug über die Liebe gesagt worden. Jetzt kommt es darauf an, sie zu praktizieren.
Liebe ist alles, was wir brauchen
Liebe ist alles, was wir haben (von Gott geschenkt)
Liebe ist alles was wir weitergeben
