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Festpredigt

14. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2005
Predigt zu Markus 1, 40-45
anlässlich des
25jährigen Besuchsdienstjubiläums der
Ev. Kirchengemeinde Vluyn


40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein.

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und [b]opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Wer „ Aussatz“ hatte, war ausgesetzt; er war aufgrund seiner Krankheit ausgeschlossen aus der Gemeinschaft; Der Begriff "Aussatz" = Zara'at benennt auch schon von der hebräischen Grundbedeutung her die Isolation des Aussätzigen. Nach den Bestimmungen israelitischen Rechtes galt ein solcher Mensch als unrein und von Gott gestraft. Er musste durch Kleidung, Rufen oder Klappern auf seine Erkrankung aufmerksam machen, damit andere auf Abstand bleiben konnten. Er war ausgegrenzt, im wahrsten Sinne des Wortes ausgesetzt.
Aussatz hatte daher auch den Namen „Erstgeborener des Todes“: Mit dieser Krankheit geschlagen zu sein, hieß, so gut wie tot sein. Alle Beziehungen zur Familie, zu Freunden, zu Altergenossen waren zertrennt, zerrissen. Man trauerte um einen Leprakranken wie wir heute sagen würden wie um einen Toten.

Das Wunderbare ist: Jesus will die ausgesetzten Beziehungen wieder herstellen. Sein Machtwort stellt sie wieder her und setzt die Heilung in Gang. Was undenkbar, was unmöglich schien, wird Wirklichkeit: Genesung tritt ein, der aussätzige Mensch wird rein. Nicht nur, dass das Krankheitsbild verschwindet, jetzt ist auch die Voraussetzung gegeben, in die Gemeinschaft des Lebens und nicht zuletzt, des Gottesdienstes zurückzukehren. Der Kranke ist aus dem Gefängnis seiner Vereinzelung herausgeholt, mit Gott und den Menschen wieder in Verbindung gebracht.

Das ist noch nicht „heile Welt“, die neue Schöpfung Gottes. Es gibt vor ihm und nach ihm auch Menschen, die nicht geheilt werden; und selbst unser Leprakranker wird trotz seiner Heilung durch Jesus eines Tages wieder sterbenskrank werden. Und doch ist an ihm, vielmehr an Jesu deutlichem: „Ich will´s tun – sei rein!“ zeichenhaft zu erkennen: Gott will eine heile Welt. Wie sie sein wird, nimmt Jesus vorweg, indem er Kranke heil macht und auch körperliches Heil schenkt.

Die Nachricht von der Heilung des Aussätzigen löst verständlicher Weise in der ganzen Gegend eine Sensationslust aus. Viele wollten ihn sehen, und die Kranken werden sich gedacht haben: „Egal, was die Schultheologen so von Jesus denken, wir probieren auch einmal, ob dieser Wunderrabbi auch uns gesund macht.“ Eine solche Einstellung will Jesus allerdings gerade nicht bedienen. Er will kein Tamtam und keinen Medienzirkus wie ihn – nebenbei bemerkt - die Politiker unserer Tage wollen. Es berührt schon manchmal peinlich, diese Diskussion darum, wer wo mit wem wie lange im Fernsehen diskutiert. Polittheater, Medienzirkus – alles das trägt so wenig wie damals zum Verständnis dessen bei, was einem Menschen oder der Gesellschaft letztlich hilft.

Jesus will auch folglich nicht, dass der Geheilte sich an IHN wie an einen Guru hängt, also falsche Nähe und unmündig machende Abhängigkeit sucht; Jesus will keine nach ihm süchtigen Anhänger und Jasager. Darum schickt er ihn fort; darum verbietet er ihm zu reden. In der neu gewonnenen Freiheit soll er sich erst einmal zurecht finden und zur Besinnung kommen, wahrnehmen, was da eigentlich geschehen ist.

Was ist denn geschehen?

Der Aussätzige, von dem unsere Geschichte erzählt, wird aus seinen Zwängen und Verstrickungen, aus seiner Krankheit und Hoffnungslosigkeit frei, indem er sich dem Willen Jesu aussetzt und sich damit Jesus ausliefert wie man sich nur Gott ausliefern darf. Schon seine Körperhaltung bringt das zum Ausdruck: er kniet vor Jesus nieder. Der passiv körperlich Aussätzige setzt sich aktiv seelisch aus. Sagt sich vielleicht: Wenn ich Vertrauen habe, ist alles möglich. Allein das bringt ihn der Heilung einen Schritt näher, weil er aus seiner Opferrolle herauskommt. Und sein Vorgehen macht mir klar, was für eine aktive Sache Vertrauen ist.

Was hier dem einzelnem Menschen geschieht, können Menschen zu allen Zeiten erfahren: Dass nämlich Gott sich zuwendet. Jesus Christus steht dafür, dass Gott nicht mehr der ferne Gott ist, der zornig oder resignierend die Menschen in ihren Zwängen, Gebrechen und Einsamkeiten lässt, sondern dass er nahe ist, zugewandt, liebevoll. „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Aber Fließbandarbeit will Jesus dabei nicht machen, keine Massenheilungen. Diese Einstellung Jesu ist keine unterlassene Hilfeleistung, wie jemand mir beim Hören der Geschichte spontan sagte, sondern eine Notwendigkeit. Vor Gott geht es immer um einzelne Menschen. Gott ist persönlich und individuell. Und die Ausbreitung des Reiches Gottes erfordert daher ein Vorgehen Person für Person, Mensch für Mensch, und auch von Person zu Person, von Mensch zu Mensch. Im Reich Gottes sollen ja Beziehungen aufgebaut werden zu Gott und den Mitmenschen. Beziehungen aber brauchen Zeit und Geduld. Darum will Jesus mit dem Einzelnen zu tun haben. Und zwar auch mit denen, zu denen wir keinen Draht haben und zu Menschen, deren Lebensweise wir nicht verstehen.

Ich finde es deshalb sehr interessant und für unser Christsein in der Nachfolge Jesu anregend das Geschehen in dieser Geschichte einmal wie in Zeitlupe zu betrachten. Ich meine, wir können da einiges für uns entdecken.Ein Aussätziger erkennt auf seinem Weg Jesus, geht gegen alle Vorschriften auf ihn zu. Und das Erstaunliche passiert: Jesus erlaubt diese Nähe. Er lässt Nähe zu.

Jesus hört ihn an, hört ihm zu.

Jesus sieht, wie der Aussätzige sich ihm zu Füßen wirft, hört seine flehentliche Bitte. Sie rührt ihn an und er hat Mitleid.

Jesus spricht dann ein vollmächtiges Wort, das an die Schöpfungsgeschichte mit ihren Imperativen erinnert: „Sei rein!“

Am Ende trifft er mit ihm eine Art Vereinbarung: „Erzähl es nicht überall. Tu, was vorgeschrieben ist: Zeige dich den Priestern, mehr nicht. Freu dich selbst an der Tatsache, dass du wieder zu den Lebenden gehörst.“Da Sie heute, liebe Schwestern und Brüder, das 25jährige Jubiläum des Besuchsdienstkreises feiern, drängen sich einige Parallelen zum Besuchsdienst geradezu auf.Auch bei Besuchen in der Gemeinde geht es darum, Nähe zuzulassen oder herzustellen. Dabei geht es nicht nur um das Hingehen, sondern eher um eine Kultur der Aufmerksamkeit für Außenstehende.Diese Menschen laufen allerdings nicht mit Klappern und Rasseln herum wie damals zu Jesu Zeiten die Aussätzigen. Eher gilt es, genau aufzupassen, ob da vielleicht bei unseren Gottesdiensten oder Veranstaltungen Menschen sind, die unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen. Entsteht eine solche Kultur der Zuwendung gerade auch zu den Menschen, die wir nicht kennen und die einfach mal so in die Gottesdienste kommen, verändert das die Atmosphäre in einer Gemeinde total. Eine Gemeinde wird attraktiv und einladend.

Genauso wichtig ist und bleibt für eine christliche Gemeinde, die Aufforderung Jesu „Geht hin in alle Welt!“ wörtlich zu nehmen, hinzugehen und Menschen zu besuchen.Jesus hört zu. Er lässt dem anderen die Gesprächsvorfahrt.Auch das ist eine Grundregel bei Besuchen und für einfühlsame Gespräche. Verständnis des anderen wird erst möglich durch aufmerksames Zuhören. Mein Gegenüber soll die Möglichkeit haben, seine Themen und Anliegen zu äußern. So nehme ich ihn ernst, wird er als Mensch für mich wichtig. Und das spürt der andere!Es braucht ein wenig Zeit, mal mehr mal weniger, mitzubekommen, wie es dem anderen geht und was er will. Das ist in dem Augenblick schwierig, wenn der Gesprächspartner, die Gesprächspartnerin, Probleme auftischt, die einem selbst auch Angst machen. Da kommen manchmal Erinnerungen und Sehnsüchte, Verletzungen und Enttäuschungen, Fragen und Widerspruch zutage, wo ich selbst nicht mehr weiter weiß und ins Stottern gerate. Das Geheimnis ist: Lassen wir es einfach zu. Und gehen nicht einfach darüber hinweg. Lassen wir es einfach zu. Weint mit den Weinenden. Fragt mit den Fragenden. Nehmt Anteil. Das ist ein Akt der Liebe. Und diese Liebe ist so heilsam.

Und: Bringt diesen Menschen in diesem Augenblick in einem Gebet des Herzens vor Gott. Und sprecht in Gedanken: Siehe, Herr, der Mensch, den du liebst.Aus dem „Sich von der Geschichte des andren anrühren lassen“ kann manchmal eine körperlich Berührung werden. Einfühlsame körperliche Berührungen sind heilsam.Eine Hand auf dem Arm des Kranken.

Eine Umarmung.

Ein bewusster Händedruck.

Eine Hand auf der Schulter des anderen.Jesus redet erst ganz spät. Oder anders ausgedrückt. Bevor Jesus anfängt zu reden, ist schon jede Menge wie wir gesehen haben passiert. Aber dann redet Jesus. „Sei rein!“Wir haben in aller Regel nicht diese Vollmacht, ein schöpferisches Heilungswort zu sprechen wie Jesus. Aber auch wir können versuchen Worte zu finden, die einen möglichen Teufelskreis von Einsamkeit und Ratlosigkeit durchbrechen.

„Sei rein!“ – Das hieß für den Kranken damals: Komm wieder zurück zu Gott. Sei wieder ein Teil unserer menschlichen Gemeinschaft. Du gehörst zu uns. Sei einer von uns! Das ist etwas, das können wir auch sagen und sagen es schon durch die Tatsache unseres Besuches: Du gehörst dazu! Du bist einer von uns! Und weil wir diese Besuche im Namen Gottes tun, kommen diese Besuche auch genau so bei den Besuchten an: Sie registrieren bewusst oder unbewusst, dass an dem Gott, der Menschen Menschen aufsuchen und finden lässt , ein liebender Gott sein muss. Weil Gott uns in Jesus Christus nahe gekommen ist, Dabei hilft oft noch eine Verabredung zum Schluss. Es ist eine Einladung, die helfen soll, eine dauerhafte Gemeinschaft herzustellen und eine Kultur der Gemeinschaft, der Aufmerksamkeit und der Liebe Gottes zu entwickeln. Kultur heißt – vom Lateinischen her - den Boden beackern, die keimende Saat pflegen. Und in diesem Sinne wünsche ich, dass das Feld des Besuchsdienstes in Vluyn noch lange beackert und gepflegt wird. So wird die Frucht der Liebe Gottes weiter wachsen und gedeihen. Und Menschen werden heil.



Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn!Amen.